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Anhörung zum Telemediengesetz: Wie geht es weiter mit offenem WLAN und Host-Providerhaftung?

Offene WLAN-Netze und die Haftung von Host-Providern waren heute Thema im Wirtschaftsausschuss des Deutschen Bundestages. Im Rahmen einer Sachverständigenanhörung, zu der auch wir geladen waren, wurde der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Änderung des Telemediengesetzes erörtert.

Nach Vorstellung der Bundesregierung sollen mit dem geplanten Gesetz rechtssichere Bedingungen für den Betrieb offener Funknetze geschaffen und die Haftung von Host-Providern verschärft werden. Obwohl es sich bereits in den im Vorfeld abgegebenen schriftlichen Stellungnahmen abzeichnete, zerpflückten die Sachverständigen zur Überraschung einiger Abgeordneter der Großen Koalition den Regierungsentwurf während der knapp zweistündigen Anhörung in weiten Teilen.

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Verschärfung der Host-Providerhaftung: Unpraktikabel und europarechtswidrig

So bewerteten die sieben geladenen Experten die Änderungen bei der Host-Providerhaftung als völlig verfehlt und unpraktikabel. Unter Host-Providern sind ganz allgemein Dienste zu verstehen, die für ihre Nutzerinnen und Nutzer Informationen speichern. Es kann sich dabei um so unterschiedliche Angebote wie Youtube, Wikipedia, Dropbox oder auch One-Click-Hoster wie Rapidshare handeln.

Nach EU-Recht sind diese Dienste grundsätzlich nicht für rechtswidrige Informationen verantwortlich, die ihre Nutzerinnen und Nutzer bei ihnen speichern. Als Voraussetzung für die Haftungsfreistellung sieht das Europarecht lediglich vor, dass die Dienste keine Kenntnis von der Rechtswidrigkeit haben und die Informationen entfernen, sobald sie auf die Rechtswidrigkeit hingewiesen werden („Notice and takedown“).

Mit dem Entwurf der Bundesregierung soll sich das ändern. Die Kenntnis der Rechtswidrigkeit soll danach gesetzlich vermutet werden, wenn es sich bei dem Host-Provider um einen „gefahrgeneigten Dienst“ handelt. Das soll unter anderem dann der Fall sein, wenn die weit überwiegende Zahl der Inhalte rechtswidrig bei dem Anbieter gespeichert ist. Um diese Feststellung zu treffen, müsste der Anbieter jedoch alle bei ihm gespeicherten Inhalte proaktiv überwachen und im Hinblick auf ihre Rechtmäßigkeit bewerten.

Das dürfte ihm bereits deshalb schwerfallen, weil es einem gespeicherten Inhalt gar nicht ohne Weiteres anzusehen ist, ob er nun rechtswidrig oder rechtmäßig ist. Urheberrechtlich geschütztes Material darf beispielsweise bei einem One-Click-Hoster legal gespeichert werden, solange der Uploader der Öffentlichkeit keinen Zugriff darauf gewährt. Eine generelle Überwachung und Überprüfung der Inhalte hielten die Sachverständigen daher für unpraktikabel. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass dies auch gegen die Vorgaben der europäischen E-Commerce-Richtlinie verstieße. Sie empfahlen daher durchweg, diese geplante Gesetzesänderung aus dem Entwurf zu streichen.

WLAN Störerhaftung

WLAN-Störerhaftung: Knackpunkt Europarecht

Auch in puncto WLAN-Störerhaftung stand die Vereinbarkeit des Regierungsentwurfs mit dem EU-Recht im Mittelpunkt. Die Kritik machte sich an genau den Punkten fest, die wir bereits im Juni dieses Jahres gemeinsam mit den Freifunkern und dem Verbraucherzentrale Bundesverband bei der EU-Kommission geltend gemacht hatten. Die Kommission hatte sich in einer nicht veröffentlichten, aber auf Netzpolitik.org geleakten Stellungnahme unseren Bedenken angeschlossen. Anfang November hatte der Bundesrat aus denselben Gründen empfohlen, den Regierungsentwurf in der vorliegenden Fassung nicht zu verabschieden.

In der heutigen Anhörung bemängelten nun auch die Sachverständigen, dass WLAN-Betreiber laut Entwurf nur dann von der Störerhaftung befreit werden sollen, wenn sie „zumutbare Maßnahmen“ ergriffen haben, um Rechtsverletzungen durch die Nutzerinnen und Nutzer zu verhindern. Damit überschreitet der Entwurf nach einhelliger Ansicht die Vorgaben der E-Commerce-Richtlinie.

Außerdem kritisierten die Experten, dass der Entwurf zwar beispielhaft zwei „zumutbare Maßnahmen“ benenne; allerdings seien diese nur sehr unscharf definiert und obendrein untauglich, um Rechtsverletzungen zu verhindern. Mit dem Regierungsentwurf würde daher die bestehende Rechtsunsicherheit bei der WLAN-Störerhaftung festgeschrieben und offene Funknetze in Deutschland damit faktisch unmöglich gemacht.

Positiv äußerte sich zu den geplanten Änderungen nur der Vertreter der Firma Hotsplots GmbH, die WLAN-Zugänge für gewerbliche Kunden wie Hotels und Gastronomie anbietet. Das verwundert wenig, beruht das Geschäftsmodell dieses Unternehmens doch im Kern auf der Ausnutzung der bestehenden Rechtsunsicherheiten und Haftungsrisiken für die Anbieter von WLAN-Zugängen.

Prozedere ließ keine Diskussionen zu

Leider ließ das Prozedere bei der Anhörung eine echte Diskussion unter den geladenen Experten nicht zu. Weder gab es Eingangsstatements der Sachverständigen, noch wurde ihnen Gelegenheit zur Nachfrage oder Replik auf die Ausführungen der jeweils anderen gegeben. Stattdessen richteten die Abgeordneten in drei Runden Fragen an die Experten. Insbesondere die Parlamentarier der Großen Koalition befragten dabei ausschließlich die von ihnen selbst bestellten Sachverständigen. Die Anzahl der Fragen, welche die Abgeordneten der verschiedenen Fraktionen stellen konnten, entsprach dabei zudem strikt den Mehrheitsverhältnissen im Ausschuss. Da die Oppositionsparteien zusammen nur über knapp 20% der Sitze verfügen, mussten sie sich jeweils mit nur einer Frage pro Runde zufrieden geben.

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Ausblick: Was lange währt, könnte noch länger dauern

Ein Aspekt, der gegen Ende der Anhörung zur Sprache kam, könnte für den weiteren Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens von besonderer Bedeutung sein. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am 9. Dezember die Klage eines Hotspot-Betreibers verhandelt, der sich gegen die Abmahnung eines Musikunternehmens wegen illegalen Filesharings gewehrt hatte. In diesem Verfahren geht es im Kern um die Auslegung der E-Commerce-Richtlinie und die Voraussetzungen für die Störerhaftung. Mit einem Votum des Generalanwalts am EuGH, das vor der eigentlichen Entscheidung des Gerichtshofs ergehen muss, ist nicht vor März 2016 zu rechnen. Angesichts der zahlreichen europarechtlichen Probleme des Regierungsentwurfs könnte sich die Große Koalition nun auf die Strategie verlegen, das Gesetzgebungsverfahren zunächst auf Eis zu legen, um die Entscheidung des EuGH abzuwarten.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist die Abschaffung der WLAN-Störerhaftung ein anschauliches Beispiel dafür, wie langwierig und mühsam politische Prozesse verlaufen und wie wichtig deshalb ein langer Atem ist. Schon im Jahr 2012 hatten wir einen Gesetzentwurf zur bedingungslosen Beseitigung der WLAN-Störerhaftung vorgelegt. Die Oppositionsfraktionen hatten unseren Entwurf sowohl 2013 als auch 2014 in den Bundestag eingebracht, wo er stets an den Stimmen der jeweiligen Regierungskoalition scheiterte. Im März 2015 erschien erstmals ein eigener Entwurf aus der Feder der Bundesregierung.

Wenn sich die Große Koalition nun tatsächlich dazu entschließt, die Entscheidung des EuGH abzuwarten, dann wäre die WLAN-Störerhaftung selbst mehr als ein Jahr später noch immer nicht abgeschafft. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, geht es hier doch eigentlich nur um die Änderung eines einzigen Paragraphen im Telemediengesetz. Bei der Vorratsdatenspeicherung haben für ein weitaus umfangreicheres Gesetzespaket hingegen wenige Monate ausgereicht.

Bundestag: Expertenanhörung zu offenem WLAN und Host-Providerhaftung

Am morgigen Mittwoch wird der Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Energie eine Sachverständigenanhörung zur Änderung des Telemediengesetzes durchführen. Gegenstand der Anhörung ist ein Gesetzentwurf der Bundesregierung, mit dem die WLAN-Störerhaftung reformiert und die Haftung von Host-Providern verschärft werden soll.

Schon im März dieses Jahres hatte das Bundeswirtschaftsministerium dazu einen ersten Entwurf vorgelegt, der jedoch von zahlreichen Verbänden harsch kritisiert wurde. Auch die EU-Kommission, an die wir uns gemeinsam mit den Freifunkern und dem Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. gewandt hatten, äußerte im Zuge eines Notifizierungsverfahrens erhebliche europarechtliche Bedenken gegen das Vorhaben. Der Bundesrat sah die geplanten Änderungen ebenfalls kritisch und empfahl im November eine Reihe von Korrekturen, die in puncto WLAN-Störerhaftung unserem Gesetzentwurf aus dem Jahr 2012 entsprechen. Gleichwohl brachte die Bundesregierung ihren Gesetzentwurf Anfang Dezember unverändert in den Bundestag ein.

Auch wir sind als Sachverständige zu der Anhörung geladen und haben im Vorfeld bereits eine schriftliche Stellungnahme abgegeben. Die Anhörung findet am Mittwoch von 11 bis 13 Uhr statt und wird am selben Tag zwischen 17.30 und 19.30 Uhr als Aufzeichnung im Parlamentsfernsehen übertragen. Wir hoffen, die Abgeordneten im federführenden Wirtschaftsausschuss davon zu überzeugen, den Gesetzentwurf so zu verändern, dass offene WLAN-Netze in Deutschland endlich rechtssicher betrieben werden können. Außerdem möchten wir eine Verschärfung der Host-Providerhaftung verhindern, um Rechtsunsicherheiten für Cloud-Dienste in Deutschland abzuwenden. Mit einer Verabschiedung des Gesetzes im Plenum ist nicht vor Mitte Januar 2016 zu rechnen.

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Reform der WLAN-Störerhaftung: Positive Signale aus dem Bunderat

Langsam kommt Bewegung in die Reform der WLAN-Störerhaftung. Noch bevor der Kabinettsentwurf für das „Zweite Änderungsgesetz zum Telemediengesetz“ (.pdf)  den Bundestag erreicht hat, befassen sich Bundesrat und Landesparlamente mit dem Thema offene Netze.

Am 12. November wird im Ausschuss für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung des Hessischen Landtags eine Anhörung zum Thema „Freie WLAN-Hotspots in Hessen“ stattfinden. Zahlreiche Sachverständige und Stakeholder sind eingeladen, den Abgeordneten ihre Einschätzungen zu den notwendigen Rahmenbedingungen für eine möglichst flächendeckende Verbreitung offener Funknetze darzulegen. Auch wir haben bereits eine Stellungnahme abgegeben, die Ihr hier (.pdf) nachlesen könnt.

WLAN Störerhaftung

Schon am morgigen Freitag, den 6. November, steht der bereits erwähnte Gesetzentwurf der Bundesregierung im Bundesrat auf der Tagesordnung. Die dort vertretenen Landesregierungen können schon im Vorfeld zu den Beratungen im Bundestag Empfehlungen zu Gesetzesvorhaben der Bundesregierung abgeben. Damit soll sichergestellt werden, dass das spätere Gesetzgebungsverfahren möglichst reibungslos verläuft. Tatsächlich haben verschiedene Ausschüsse des Bundesrates solche Empfehlungen für die morgige Abstimmung (.pdf) im Plenum vorgeschlagen. Dabei sind die Empfehlungen des Wirtschaftsausschusses besonders erfreulich, entsprechen sie inhaltlich doch genau unserem Gesetzentwurf zur Abschaffung der WLAN-Störerhaftung (.pdf), den wir bereits im Jahr 2012 vorgelegt hatten. Es besteht deshalb durchaus Anlass zur Hoffnung, dass der Bundesrat Empfehlungen beschließen wird, die auf eine konsequente Beseitigung der WLAN-Störerhaftung abzielen. Bereits gestern haben wir deshalb ein Schreiben an sämtliche Landesregierungen (.pdf) versandt, in dem wir sie mit Nachdruck dazu aufrufen, in der Plenumssitzung am Freitag für die Empfehlungen des Wirtschaftsausschusses zu votieren.

In den Ausschussempfehlungen ist leider auch eine bittere Pille versteckt. So hat der Rechtsausschuss des Bundesrates eine Änderung des Telemediengesetzes vorgeschlagen, die es Privatpersonen künftig ermöglichen würde, ohne richterlichen Beschluss und ohne konkreten Verdacht einer Straftat auf fremde Bestands- und Nutzungsdaten bei Telemedienanbietern zuzugreifen. Den Anbietern soll erlaubt werden, Dritten zur Durchsetzung von Persönlichkeitsrechten Auskünfte über bei ihnen gespeicherte Daten zur die Identität einzelner Nutzerinnen und Nutzer zu erteilen. Abgesehen davon, dass der Vorschlag rechtstechnisch bereits widersprüchlich formuliert ist, würde eine solche Befugnis ein hohes Missbrauchspotenzial eröffnen und zu einer nicht wünschenswerten Privatisierung der Rechtsdurchsetzung beitragen. In unserem Schreiben an die Landesregierungen wenden wir uns deshalb klar gegen die Empfehlung des Rechtsausschusses und rufen dazu auf, den Vorschlag abzulehnen.

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Vorratsdatenspeicherung im Bundestag: Grundrechtliches Fiasko verhindern!

„Die Bundesregierung versucht, die Vorratsdatenspeicherung gegen jede rechtsstaatliche Vernunft durchzusetzen. Bereits zweimal wurden entsprechende Gesetze höchstrichterlich kassiert. Zuletzt kritisierte auch die EU-Kommission das Vorhaben als Verletzung des Unionsrechts. Dabei ist der Nutzen einer anlasslosen Speicherung nach wie vor nicht belegbar. Die Abgeordneten des Bundestages müssen daher ihre Chance nutzen und ein weiteres grundrechtliches Fiasko verhindern.“, fordert Volker Tripp, politischer Referent des Vereins Digitale Gesellschaft.

Die von der Großen Koalition und der Bundesregierung beabsichtigte Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung wird heute erneut Thema im Bundestag sein. Im federführenden Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz werden sich verschiedene Sachverständige den Fragen der Parlamentarier zur geplanten Speicherpflicht für Verbindungs- und Standortdaten aus der elektronischen Kommunikation stellen. Zahlreiche Verbände und Interessenvertretungen, etwa aus den Bereichen Wirtschaft, Medien und Rechtsanwaltschaft, hatten sich in der Vergangenheit bereits klar gegen die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen.

Mit der verdachtsunabhängigen Speicherung der Kommunikationsdaten würde eine rote Linie überschritten. Sensible Daten, die präzise Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten, Ansichten und soziale Netze der Betroffenen zulassen, würden ohne konkreten Anlass wochenlang vorgehalten und auf diese Weise einem hohen Missbrauchsrisiko ausgesetzt. Dies gilt insbesondere für die Daten von Berufsgeheimnisträgern wie Anwälten und Journalisten. Dabei ist der Nutzen einer Vorratsdatenspeicherung für die Verhinderung und Verfolgung schwerer Straftaten bis heute nicht belegt. Auch die immer wieder vorgebrachte Behauptung, die IP-Adresse sei im Bereich der Online-Kriminalität häufig der einzige Ermittlungsansatz, vermag daran nichts zu ändern. Wer sich anonym im Netz bewegen möchte, kann seine IP-Adresse selbst bei laufender Vorratsdatenspeicherung effektiv verschleiern und sich auf diese Weise der Strafverfolgung entziehen.

Fachgespräch: Netzneutralität ist das neue Waldsterben

Gestern fand im Bundestagsausschuss Digitale Agenda ein Fachgespräch zum Thema Netzneutralität statt. Als Sachverständige waren Andreas Eschweiler (Bundesnetzagentur), Dr. Bernhard Rohleder (BITKOM), Dr. Ben Scott (Stiftung Neue Verantwortung), Thomas Lohninger (Initiative für Netzfreiheit, EDRi) und unser Geschäftsführer Alexander Sander geladen.

Die Einlassungen verliefen, wie schon die zuvor eingereichten schriftlichen Stellungnahmen vermuten ließen, zum größten Teil entlang der bekannten Argumentationslinien. Für einige Überraschung sorgte vor allem der BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Rohleder. Während er in seinem Eingangsstatement das erwartbare, zwischen „Industrie 4.0“ und „5G“ oszillierende Buzzword-Bingo lieferte, schoß er im Rahmen der Nachfragen der Ausschussmitglieder einige echte argumentative Böcke.

Irreführend war zunächst Rohleders Behauptung, es gebe kein einheitliches Internet in Deutschland, sondern vielmehr ein „100-Klassen-Netz“, weshalb die Warnungen vor einem „Zwei-Klassen-Netz“ völlig unberechtigt seien. Zur Begründung führte er aus, schon heute hätten Endkunden ganz unterschiedlich schnelle Anschlüsse, von DSL bis zu Standleitungen; daher gäbe es schon heute ein Mehrklassennetz. Tatsächlich bezieht sich der Begriff des „Zwei-Klassen-Netzes“ aber keineswegs auf die Anbindung der jeweiligen Endkunden. Gemeint ist damit vielmehr, dass die Datenpakete bestimmter Online-Dienste von den Telekommunikationsunternehmen schneller weitergeleitet werden als die anderer Dienste. Diese Frage hat also nichts mit der konkreten Anbindung der Endkunden zu tun.

Gefragt nach konkreten Beispielen für Spezialdienste, die über IPTV hinausgehen, blieb Rohleder eine Antwort schuldig. Gleichwohl war er sich sicher, dass die deutsche Digitalwirtschaft auf die Einführung dieser Dienste angewiesen sei. Das Gegenargument, dass das Prinzip der Netzneutralität gerade jungen Unternehmen einen niedrigschwelligen Netzzugang ermöglicht und damit Innovationen befördert hat, wusste Rohleder nicht zu kontern.

Ähnlich erheiternd und zugleich entlarvend war auch seine Einlassung zu der Frage, ob nur solche Spezialdienste zugelassen werden sollten, die dem Allgemeinwohl dienen. Rohleder befürwortete eine solche Eingrenzung, ergänzte aber im gleichen Atemzug, dass er darunter alle Spezialdienste verstehe, für die es eine Nachfrage gebe. Dem Allgemeinwohl dient nach seiner Auffassung demnach alles, was sich irgendwie verkaufen und zu Geld machen lässt. Spätestens an dieser Stelle wurde deutlich, dass die ohnehin brüchigen Argumentationen der Telekommunikationslobby, die Spezialdienste mit Anwendungen wie der Telemedizin oder selbstfahrenden Autos zu begründen versucht, nichts weiter sind als Augenwischerei. Hinter der Forderung nach Einführung von Spezialdiensten steht ausschließlich das ökonomische Interesse, die Internetzitrone bis auf den letzten Cent auszupressen.

Den Gipfel der Absurdität erreichte Rohleder schließlich mit seiner Behauptung, die Netzneutralität zerstöre die Umwelt. Bereits heute entfielen 2% des Energieverbrauchs in Deutschland auf den Betrieb der Telekommunikationsnetze; ohne die Einführung von Spezialdiensten müssten sie auch künftig stets mit Volllast gefahren werden, wodurch sich der Stromverbrauch weiter erhöhen und in der Folge die Umweltbelastung weiter steigen werde, so Rohleder. Anhand dieser Einlassung, die auch unter den Ausschussmitgliedern für sichtlich ungläubige Reaktionen sorgte, zeigte sich einmal mehr, dass die Telekommunikationslobby vor keiner noch so abwegigen, falschen und polemischen Behauptung zurückschreckt, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen.

Genau das war zugleich die wichtigste Erkenntnis, welche Ausschussmitglieder und Zuhörer aus dem Fachgespräch mitnehmen konnten. Außer Videostreaming gibt es keine echten Anwendungsbereiche für Spezialdienste und es stehen auch keine weiteren in Aussicht. Für Telemedizin und selbstfahrende Autos wird keine Internetanbindung benötigt, da die Anbieter aus Gründen der Ausfallsicherheit eigene Netze für diese Anwendungen betreiben. Mit anderen Worten: Niemand braucht Spezialdienste außer den Telekommunikationsunternehmen selbst.

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TTIP: Handelsausschuss verspielt Chance zum Schutz der Grundrechte

„Der Ausschuss für Internationalen Handel hat heute eine wichtige Chance vertan, um die mit TTIP verbundenen Gefahren für Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte zu bannen. Mit der heutigen Abstimmung empfiehlt er dem EU-Parlament, für überstaatliche Schiedsgerichte, für einen Freibrief bei Verhandlungen über den Datenschutz und für eine nur symbolische Bestimmung zum Urheberrecht einzutreten. Hier muss in den Beratungen im Plenum dringend nachgebessert werden.“, fordert Volker Tripp, politischer Referent des Vereins Digitale Gesellschaft.

Der Ausschuss für Internationalen Handel (INTA) im EU-Parlament hat heute über seine Position zum geplanten Freihandelsabkommen TTIP abgestimmt. Mit dem Votum bereitet der federführende Ausschuss eine Abstimmung im Plenum vor, mit der das Europäische Parlament zu dem Abkommen Stellung nimmt und rote Linien definiert, die bei den Verhandlungen durch die Kommission nicht überschritten werden dürfen.

Leider konnte sich der Ausschuss in zahlreichen wichtigen Punkten nicht zu einer klaren Absage an die mit TTIP verbundenen Gefahren für Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte durchringen. Statt zu fordern, die vorgesehenen Schiedsgerichte für Streitigkeiten zwischen Investoren und Staaten gänzlich aus dem Text des Abkommens zu entfernen, sprach sich die Ausschussmehrheit lediglich für geringfügige Verfahrensänderungen aus; mittelfristig solle ein Internationaler Investment Gerichtshof zur Beilegung der Dispute geschaffen werden. Die Gefahr, dass multinationale Konzerne künftig Regierungen im Klageweg unter Druck setzen könnten, um verbraucherschützende Vorschriften aufzuheben oder gar nicht erst einzuführen, ist damit keineswegs gebannt.

Ähnlich zaghaft blieb der Ausschuss auch im Bereich des Datenschutzes. Zwar stimmte er für eine Klausel, die zunächst klarstellt, dass die EU-Datenschutzregeln von TTIP nicht berührt werden; diese Bestimmung wird jedoch durch einen Zusatz aufgeweicht, der Verhandlungen über die Übermittlung personenbezogener Daten unter der schwammigen Bedingung erlaubt, dass Datenschutzrecht auf beiden Seiten des Atlantik eingehalten wird. Unklar bleibt, welches Datenschutzrecht dabei gemeint ist. Sollte es bedeuten, dass die europäische Seite EU-Recht und die amerikanische Seite US-Recht einzuhalten hat, kommt die Bedingung einem Freibrief für Verhandlungen über transatlantische Datenflüsse gleich.

Noch schlechter fiel die Abstimmung auf dem Feld des Urheberrechts aus. Hier votierte der Ausschuss für eine Bestimmung, welche die kulturelle und mediale Vielfalt in Europa sichern soll noch einmal klarstellt, dass audiovisuelle Medien nicht Teil des Verhandlungsmandats der Kommission sind. Abgesehen davon, dass das Urheberrecht selbst dort nicht explizit erwähnt wird, ist die Bestimmung mangels rechtlicher Bindungswirkung weitestgehend wirkungslos.

Digitale Agenda: Mangel an Koordination und Fachwissen

Der Digitale Gesellschaft e.V. kritisiert die Digitale Agenda der Bundesregierung als visionslos und nicht zukunftsfähig und macht dafür unter anderem die mangelnde Koordination und fehlende Einbeziehung des Parlaments verantwortlich.

Heute berät das Plenum im Bundestag neben der regierungseitigen Unterrichtung zur Digitalen Agenda auch über die Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Enquete “Internet und Digitale Gesellschaft”. Das Gremium hatte sich in der vergangenen Legislaturperiode unter anderem für die Einrichtung eines eigenen Ministeriums und eines Bundestagsausschusses zu Fragen der Digitalpolitik ausgesprochen.

Zwar wurde ein solcher Ausschuss in der aktuellen Legislaturperiode geschaffen, zugleich wurde ihm aber nicht die ebenfalls empfohlene zentrale und koordinierende Funktion in netzpolitischen Belangen eingeräumt. An einem entsprechenden Ministerium fehlt es bis heute. Diese beiden Defizite haben in der Digitalen Agenda deutlichen Niederschlag gefunden. Statt den Ausschuss schon in der Entwurfsphase einzubeziehen und eine zentrale Stelle für die Abstimmung der Inhalte einzurichten, wurden sachlich sinnvolle und zukunftsfähige Lösungen zwischen kollidierenden Wunschlisten der drei federführenden Ministerien aufgerieben. Im Ergebnis ist die Digitale Agenda der Bundesregierung vor allem zu einem Abbild des ministerialen Durcheinanders und einer substanzlosen Fassadenpolitik geraten.

Alexander Sander, Geschäftsführer des Digitale Gesellschaft e.V., kommentiert: “Die Digitale Agenda ist Ausdruck der Visions- und Kraftlosigkeit der Bundesregierung, wenn es um die Gestaltung der digitalen Gesellschaft geht. So fehlen zukunftsfähige Konzepte etwa bei der Netzneutralität ebenso wie bei der Abschaffung der WLAN-Störerhaftung. Hier, wie auch auf vielen weiteren Feldern, vermissen wir dezidierte Maßnahmenkataloge. So hätte die Bundesregierung im Bereich der Netzneutralität klarstellen müssen, dass sie sich im EU-Ministerrat für eine Zustimmung zu den vom Parlament beschlossenen Änderungen am Entwurf der Telekommunikationsmarktverordnung und für eine Verengung der dort enthaltenen Definition der Spezialdienste einsetzen wird. Auch hätte sie den Willen bekunden müssen, ihren Einfluss im Ministerrat dazu zu nutzen, dass die Pflichten von Access-Providern nicht im Rahmen von TTIP verhandelt werden. Wie wenig entschlossen die Bundesregierung netzpolitische Fragen behandelt, zeigt sich auch an ihren Plänen zur WLAN-Störerhaftung. Eine Haftungsfreistellung ausschließlich für kommerzielle Betreiber wie Cafés oder Flughäfen, noch dazu verbunden mit Identifizierungs- und Überwachungspflichten, trägt kaum zu einer flächendeckenden Versorgung mit offenen Funknetzen bei. Wie Deutschland angesichts dieser zaghaften Haltung zum IT-Standort Nummer Eins werden soll, bleibt das Geheimnis der Bundesregierung.”

Digitale Agenda: Gestalten statt verwalten

Der Digitale Gesellschaft e.V. fordert die Bundesregierung auf, die während der Sommerpause vorgelegte Digitale Agenda in der bisherigen Form zu verwerfen und unter Beteiligung von Parlament und Zivilgesellschaft grundlegend neu zu erarbeiten.

In einer nichtöffentlichen Sitzung des Bundestagsausschusses Digitale Agenda haben Vertreterinnen und Vertreter der drei federführenden Ministerien heute die Digitale Agenda der Bundesregierung vorgestellt. In die Aufstellung der Agenda wurde der Ausschuss ebenso wenig einbezogen wie die netzpolitischen Sprecher der Regierungsfraktionen und zivilgesellschaftliche Organisationen.

Alexander Sander, Geschäftsführer des Digitale Gesellschaft e.V. erklärt dazu: “Die Digitale Agenda ist in weiten Teilen lückenhaft, widersprüchlich, konzeptlos und bereits in ihrem methodischen Ansatz verfehlt. Während die Bundesregierung beim Entwurf der Agenda die für die Netzpolitik zuständigen parlamentarischen Stellen ebenso wie die Zivilgesellschaft vollständig übergangen hat, sollen die Leerstellen in dem Papier nun im Wege von Multistakeholderprozessen geschlossen werden. Wollte die Bundesregierung den digitalen Wandel tatsächlich gestalten statt ihn lediglich zu verwalten, hätte sie bereits in der Entwurfsphase die Beteiligung kompetenter Akteure in der Netzpolitik gesucht. Dass die heutige Ausschusssitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, belegt erneut, dass der Bundesregierung an einem echten Dialog mit der Zivilgesellschaft nicht gelegen ist. Die Digitale Agenda ist mit fundamentalen inhaltlichen und methodischen Mängeln behaftet. Dieser untaugliche Versuch eines Fahrplans für den digitalen Wandel muss daher verworfen und unter Einbindung von Parlament und Zivilgesellschaft von Grund auf neu erarbeitet werden.”

Abstimmung zur Netzneutralität: Schlupflöcher schließen, Zensur verhindern

Der Industrieausschuss des EU-Parlaments (ITRE) wird morgen eine wichtige Weichenstellung bei der Netzneutralität vornehmen. Mit der Abstimmung über zahlreiche Änderungsanträge zu einer europaweiten Telekommunikationsverordnung entscheidet der Ausschuss zugleich über die genaue Fassung der späteren Beschlussvorlage für das Parlament. Eine Abstimmung im Plenum ist für Anfang April geplant. Das Votum ist deshalb für den Fortbestand der Netzneutralität und damit des freien und offenen Internet von besonderer Bedeutung, auch weil die Verordnung unmittelbar in allen EU-Staaten wirksam wird. Der bisher vorliegende Entwurf erlaubt Internet-Providern wie der Deutschen Telekom, den Datenverkehr zu durchleuchten und den Zugang zum offenen Internet zugunsten von kostenpflichtigen Spezialdiensten zu diskriminieren. Das gefährdet Wettbewerb, Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit in der EU.

„Der Ausschuss hat morgen die Chance, einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Netzneutralität und damit zur Zukunft eines freien und offenen Internets zu leisten. Dazu muss er allerdings konsequent jegliche Schlupflöcher für die Provider schließen. Öffnungsklauseln, unbestimmte Rechtsbegriffe und vage Definitionen, welche die Einführung eines Zwei-Klassen-Netzes durch die Hintertür ermöglichen, müssen vollends aus dem Verordnungstext verschwinden.“, erklärt Alexander Sander, Geschäftsführer des Vereins Digitale Gesellschaft.

Die Änderungsanträge lassen durchaus erfreuliche Ansätze zum Schutz der Netzneutralität erkennen. Die Pläne der EU-Kommission etwa, Provider zu eigenmächtigen Hilfssheriffs bei der Verfolgung und Verhinderung von Straftaten im Netz zu machen, treffen im Ausschuss offenbar auf breite Ablehnung. In anderen Punkten gehen insbesondere die gemeinsamen Anträge der Fraktionen noch nicht weit genug. Das betrifft vor allem die Passagen zum „Deep Paket Inspection“ genannten Durchleuchten des Datenverkehrs und zur strikten technischen und inhaltlichen Trennung von offenem Internet und Spezialdiensten.

„Dem Verlangsamen oder Blockieren von Zugängen zum offenen Internet muss rigoros ein Riegel vorgeschoben werden und außerdem gilt es zu verhindern, dass bislang frei verfügbare Inhalte und Dienste auf kostenpflichtige Spezialzugänge ausgelagert werden.“, fordert Alexander Sander.

Nähere Informationen zum Thema gibt es bei savetheinternet.eu oder auf unserer Mitmach-Seite.

Netzneutralität – Unsere Stellungnahme zum Entwurf der Telekommunikationsverordnung

Die Berichterstatterin des Ausschusses für Industrie und Forschung im Europäischen Parlament, Frau Pilar Del Castillo Vera (EPP), hatte kürzlich dazu aufgerufen, im Rahmen einer öffentlichen Konsultation Stellungnahmen zum Kommissionsentwurf einer EU-Telekommunikationsverordnung abzugeben.

Wir haben diese Gelegenheit genutzt und in einer Mail unsere Bedenken gegen die Passagen, welche Netzneutralität und priorisierte Dienste regeln, dargelegt. Hier der Text unserer Stellungnahme:

 
Dear Ms Pilar del Castillo Vera,

as an NGO working for digital human rights, Digitale Gesellschaft e.V. welcomes your call for a public stakeholder consultation on the proposed EU regulation for a single telecommunications market.

The regulation, as proposed by Commissioner Kroes in October, is a step in the right direction, even though it still comprises a number of serious flaws when it comes to the issue of net neutrality.

We are particularly concerned about the provisions in paragraphs article 23.2 and 23.5. Both of these paragraphs stipulate rather cloudy exceptions to the principle of net neutrality, allowing access providers to slow down or even block regular internet access for the benefit of specialised services. The problem with these exceptions is that they are far too unclear and inexact in order to ensure a neutral, non-discriminatory internet access.

According to article 23.2 „the provision of specialised services shall not impair in a recurring or continuous manner the general quality of internet access services“. What the draft fails to define is what a „recurring or continuous manner“ and „general“ actually mean – it could, for example, be anything from an impairment once a month to once or even more a day. Also, there is no definition of how low the quality of internet access has to drop in order to be considered an impairment of the general quality in the first place. The same problem occurs with the word „substantially“ in recital 50.

  • We therefore propose to remove the word „substantially“ from recital 50 and to remove the words „recurring or continuous manner“ and „general“ from article 23.2.

Moreover, article 23.5 letter a) states that „reasonable traffic management measures“ might be adopted „to implement a legislative provision or court order, or to prevent or impede serious crimes“. Apart from the fact that the draft lacks a definition of what a „serious crime“ is and therefore makes determinining its actual scope difficult, this exception opens the doors to blocking-orders and blacklists following the model of the French HADOPI law. Since this notion hasn’t got anything to do with the principle of net neutrality, it should be removed from the provision. The same goes for recital 47 which has a similar wording.

  • We therefore propose to delete recital 47 and article 23.5.

What is missing in the draft altogether is a strong and tangible definition of the principle of net neutrality. The latter would mean that access providers who offer specialised services are required to offer non-specialised access in the same quality as the specialised one. The quality of access should be measured not only by bandwidth but also other technical specifications like latency or jitter. After all, there would still be a surplus for the users of specialised services because the principle of „best effort“ would still be valid for the non-specialised access.

Furthermore, a non discriminatory internet access can only be guaranteed if it is mandatory for access providers to offer at least one non-throttled access-service parallel to a specialised service. Otherwise, strong pressure will be put on consumers to purchase the specialised services, impairing their right to use the services and applications they choose to, as stipulated in article 23.1 of the draft.

  • We therefore propose to amend the definition of „specialised service“ to ensure that the definition covers only services which are not run over the public internet and which are not functionally identical to services available over the public internet.
  • We propose to obligate internet access providers who offer specialised services to offer at least one flatrate best-effort access in the same quality (bandwidth, latency, jitter) as the specialised service.
  • We propose to delete from article 23.1 „and, in accordance with any such agreements relative to data volumes, to avail of any offers by providers of internet content, applications and services“.

We hope our input will be helpful in the continuous efforts of the ITRE commission to ensure the principle of net neutrality in a single telecommunications market throughout Europe.