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Pressemitteilung: Innenministerrat plant Strafermittlungen ohne Rechtsschutz

Die Digitale Gesellschaft e.V. kritisiert Pläne für EU-USA-Abkommen über grenzüberschreitenden Zugriff auf elektronische Beweismittel.

Am Donnerstag und Freitag trifft sich der Rat der Innen- und Justizminister der Europäischen Union. Während das neue Parlament sich noch konstituiert, wollen die Regierungen bereits Meilensteine für einschneidende Überwachungsmaßnahmen festlegen:

Erstens soll der europäischen Kommission ein Mandat erteilt werden, um mit den USA über ein Abkommen zum Zugriff auf elektronische Beweismittel zu verhandeln. In den USA ist die grenzüberschreitende Herausgabe elektronischer Beweismittel im Cloud-Act geregelt. In der EU liegt der Vorschlag zur sogenannten E-Evidence-Verordnung auf dem Tisch. Diese Verordnung soll es nationalen Strafverfolgungsbehörden erlauben, von Providern, die in anderen EU-Staaten sitzen, die Herausgabe von Inhalts- und Metadaten zu fordern. Der Staat, in dem der Provider ansässig ist oder in dem die Person, deren Daten betroffen sind, lebt, soll bei der Anordnung außen vor bleiben. Es muss noch nicht einmal der Verdacht einer Straftat bestehen, die in allen betroffenen Staaten strafbar ist.

„Ein solches Regime würde nur Sinn machen, wenn EU-weit bzw. international Einigkeit darüber bestünde, was eine Straftat ist, und dieselben Verfahrensgarantien gelten würden. Fälle wie die des katalanischen Politikers Puidgemont oder von Whistleblowern machen deutlich, dass das mitnichten der Fall ist. Wenn in einem Staat Abtreibung eine Straftat ist und in einem anderen nicht, dann dürfen Provider in letzterem nicht gezwungen werden, Beweismittel über solche Vorgänge herauszugeben,“ sagt Elisabeth Niekrenz, politische Referentin der Digitalen Gesellschaft.

Das EU-Parlament hat über den Vorschlag noch nicht abgestimmt, sich in bisherigen Arbeitspapieren aber kritisch gezeigt. Die Verhandlungen mit den USA greifen nicht nur der parlamentarischen Abstimmung vor, sie sind auch viel umfänglicher als das, was in der EU diskutiert wird: Es soll eine Echtzeit-Überwachung ermöglicht werden.

Zweitens planen die Minister eine neue Auflage der Vorratsdatenspeicherung. Obgleich der EuGH entschieden hat, dass diese anlasslose Massenüberwachungsmaßnahme gegen Grundrechte verstößt, sind lediglich kosmetische Änderungen vorgesehen, wie Digitalcourage zeigt.

Pressekontakt:

Digitale Gesellschaft e.V.
Groninger Straße 7
13347 Berlin
presse@digitalegesellschaft.de
@digiges
030 450 840 18

Pressemitteilung: Digitale Gesellschaft e.V. empfiehlt Förderung dezentraler und quelloffener Dienste statt Interoperabilitätspflicht sozialer Netzwerke

Im Rahmen einer Konsultation des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz hat die Digitale Gesellschaft e.V. eine Stellungnahme zum Thema Interoperabilität bei sozialen Netzwerken abgegeben. In dieser rät die Digitale Gesellschaft von einer Interoperabilitätsverpflichtung für soziale Netzwerke ab: „Eine mögliche Interoperabilitätsverpflichtung für soziale Netzwerke birgt für Nutzerinnen und Nutzer einfach zu viele Unwägbarkeiten, vor allem beim Datenschutz und bei der Verschlüsselung“, sagt Elisabeth Niekrenz, politische Referentin der Digitalen Gesellschaft.

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Artikel zu Gesundheitsdaten

Welchen Schutz brauchen sensible Gesundheitsdaten?

Die Digitale Gesellschaft e.V. hat den Artikel „Welchen Schutz brauchen sensible Gesundheitsdaten?“ zu Fragen der elektronischen Speicherung von Gesundheitsdaten veröffentlicht. Anlass ist das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das der Bundestag am 14. März 2019 beschlossen hat. Dieses verpflichtet die Krankenkassen, spätestens ab 2021 den Versicherten elektronische Patientenakten anzubieten.

Der Artikel geht auf die Fragen ein:
Was bedeutet diese Aktualisierung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) für die Versicherten? Wollen sie ihre Gesundheitsdaten überhaupt auf zentralen Servern speichern lassen? Worin unterscheidet sich die ePatientenakte der eGK von der elektronischen Gesundheitsakte, die viele Krankenversicherungen den Versicherten bereits anbieten?

Gerne kann der Artikel veröffentlicht oder zusammengefasst und verlinkt werden. Eine pdf-Daten kann gerne angefordert werden.

Link zur pdf-Datei: https://digitalegesellschaft.de/wp-content/uploads/2019/05/sensible_Gesundheitsdaten.-1.pdf

Pressemitteilung: Ausführliche Erläuterungen zum Artikel 13/17 der Urheberrechtsrichtlinie in einem Blogbeitrag

Morgen wird im Parlament der Europäischen Union über die Reform der Urheberrechtsrichtlinie abgestimmt. Am Samstag demonstrierten europaweit mehr als 100 000 Menschen gegen die Reform. Der Protest richtet sich insbesondere gegen den Einsatz automatischer Filtersoftware, den Artikel 13 (nach jüngst geänderter Nummerierung Artikel 17) der Reform nach Einschätzung aller Experten nach sich zieht.

Die netzpolitische Organisation Digitale Gesellschaft e.V. hat am Montag, den 25.03.2019, in einem Blogbeitrag  erläutert, dass die Einrichtung von Uploadfiltern zwingend aus dem Text des Artikel 13/17 folgt und welche Folgen für Freiheitsrechte, Datenschutz, Wettbewerb und die mediale Vielfalt des Internets zu befürchten sind.

Link zum Beitrag: https://digitalegesellschaft.de/2019/03/warum-uploadfilter-in-der-urheberrechtsrichtlinie-verhindert-werden-muessen/

Demo und Pressekonferenz #Berlingegen13

Protest gegen Uploadfilter und die EU-Urheberrechtsreform am 23. März in Berlin


(Berlin, 19. März 2019) Das Bündnis „Berlin gegen 13“ ruft am Samstag, den 23. März um 14 Uhr zu einer Demonstration gegen die EU-Urheberrechtsreform in Berlin auf. Die Demonstration startet am Potsdamer Platz, geht an Wikimedia und der SPD-Zentrale vorbei und endet am Platz des 18. Märzes am Brandenburger Tor.

Das Bündnis fordert die Abgeordneten des Europaparlamentes auf, die EU-Urheberrechtsreform in der jetzigen Fassung abzulehnen.
Das breite zivilgesellschaftliche Bündnis „Berlin gegen 13“ wird getragen von Campact, dem Chaos Computer Club, der netzpolitischen Organisation Digitale Gesellschaft, der Initiative Digitale Freiheit, dem Journalistenverband Freischreiber, dem Frauen-Hackspace Heart of Code und der europäischen Kampagne Save The Internet. Das Bündnis wird von weiteren Organisationen unterstützt.

Mehr Informationen zum Bündnis: https://berlingegen13.wordpress.com

Termine: 
Morgens am 21. März um 9:30 Uhr gibt es Proteste bei einer Pressekonferenz mit Axel Voss. Diese finden Unter den Linden 78 statt. Diese Kundgebung ist nicht vom Bündnis Berlin gegen 13 angemeldet.

Pressekonferenz 21. März um 18 Uhr, bei Cadus („Crisis Response Makerspace“ (CRM) im S-Bahnbogen in der Holzmarkstrasse 19, 10243 Berlin). Danach ist zum gemeinsamen „Demo-Basteln“ eingeladen, bei dem die Presse weitere Kontakte aufnehmen kann und Aktivist/innen für Statements zur Verfügung stehen.
Am 23. März startet die große Berliner Demonstration um 14 Uhr am Potsdamer Platz, sie zieht vorbei an Wikimedia und SPD-Zentrale via Wilhelmstraße zum Platz des 18. März am Brandenburger Tor. Dort wird die Abschlusskundgebung stattfinden.  Zeitgleich wird in vielen weiteren europäischen Städten demonstriert.

Ansprechpartner für die Presse:

berlingegen13@heartofcode.org

Bruno Kramm (Anmelder) brunokramm3@googlemail.com 0162 66 99 666



Protest gegen Uploadfilter und EU-Urheberrechtsreform am 2. März in Berlin

Das Bündnis „Berlin gegen 13“ ruft am Samstag, den 2. März um 13 Uhr zu einer Demonstration gegen die EU-Urheberrechtsreform in Berlin auf. Die Demonstration startet am Axel-Springer-Hochhaus (Rudi-Dutschke-Straße/Lindenstraße), geht am Justizministerium vorbei und endet an der Vertretung der Europäischen Kommission in der Nähe des Brandenburger Tores.

Die EU-Urheberrechtsreform läuft mit Artikel 13 darauf hinaus, dass Plattformen eine automatisierte Inhaltskontrolle einführen müssen. Diese Uploadfilter werden massive Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit und die Vielfalt des Internets haben. Automatisierte Filter sind nicht in der Lage, den Kontext von Inhalten einzuschätzen und daher sehr fehleranfällig. Sie können nicht zwischen Urheberrechtsverletzungen und schöpferischen Adaptionen unterscheiden. Kleinere Plattformen haben nicht die nötigen Ressourcen, um selbst aufwändige Filtermechanismen zu entwickeln und müssten die Technologie bei den großen Anbietern einkaufen, was deren Marktmacht weiter stärken würde.

Die juristisch anspruchsvolle Entscheidung über die Zulässigkeit von Meinungsäußerungen und darüber, welche Inhalte tatsächlich Urheberrechte verletzen, wird samt der Rechtsdurchsetzung auf private Anbieter übertragen. Wegen des Haftungsrisikos werden die Anbieter im Zweifel zu viele Inhalte blockieren. Eine demokratische Kontrolle der Filtermechanismen ist nicht vorgesehen.

Darüber hinaus können solche Uploadfilter jederzeit auch für eine absichtliche Aussortierung missliebiger Meinungen genutzt werden. Die Einführung einer automatisierten Inhaltskontrolle auf vielen Internetplattformen und Apps legt den technischen Grundstein für eine mögliche Zensur- und Kontrollinfrastruktur. Und sie hilft dabei noch nicht einmal den Urheberinnen und Urhebern, eine faire Entlohnung zu bekommen.

Das Bündnis fordert die Abgeordneten des Europaparlamentes auf, die EU-Urheberrechtsreform in der jetzigen Fassung abzulehnen.


Das Bündnis „Berlin gegen 13“ wird getragen vom Chaos Computer Club, der Digitalen Gesellschaft, dem Journalistenverband Freischreiber und dem Frauen-Hackerspace Heart of Code. Das Bündnis wird von weiteren Organisationen unterstützt.

Mehr Informationen zum Bündnis: https://berlingegen13.wordpress.com
Ansprechpartner: berlingegen13@heartofcode.org

Pledge2019.eu: Urheberrechtsreform wahlentscheidendes Thema zur Europawahl – Zivilgesellschaftliche Organisationen rufen BürgerInnen europaweit auf, ihre Abgeordneten anzurufen.

Millionen Europäer*innen sind entzürnt über die katastrophalen Auswirkungen der Urheberrechtsreform, die noch kurz vor der Europawahl durchgewunken werden soll. Gemeinsam mit Partnerorganisationen aus ganz Europa, unter anderem mit der netzpolitischen Organisation Digitale Gesellschaft, startet die Grundrechtsorganisation epicenter.works nun die Kampagne Pledge2019.eu [1] und ruft die Internetnutzer*innen dazu auf, ihre gewählten Vertreter*innen im Europäischen Parlament anzurufen. Die Message ist klar: Wir wählen nur die PolitikerInnen wieder, die gegen die Urheberrechtsreform stimmen.

Auf der Kampagnenplattform Pledge2019.eu haben Internetnutzer*innen aus ganz Europa die Möglichkeit, ihre Abgeordneten kostenfrei anzurufen und sie um das Versprechen zu bitten, gegen Uploadfilter zu stimmen. „Mit einer der größten Petitionen aller Zeiten und annähernd 5 Millionen Unterschriften [2] ist schon jetzt klar, dass Uploadfilter den EuropäerInnen ein wichtiges Thema sind. Gemeinsam können wir jetzt verhindern, dass dieses katastrophale Gesetz noch kurz vor der Wahl durchgewunken wird“, so Bernhard Hayden, Sprecher der digitalen Grundrechtsorganisation epicenter.works. „Da einige EU-Abgeordnete junge Menschen, die dagegen aufstehen, als ‚Mob‘ und ‚Bots‘ bezeichnen, ermöglichen wir den WählerInnen direkt mit ihren gewählten VertreterInnen zu sprechen und damit klarzustellen, dass die großen Bedenken gegen die EU-Urheberrechtsreform aus der breiten Bevölkerung kommen.“

Zur Erinnerung: Vor wenigen Tagen wurden die Verhandlungen zwischen dem Europäischen Parlament und den Vertreter*innen der Mitgliedsstaaten zur Urheberrechtsreform abgeschlossen. Weiterhin ist der umstrittene Artikel 13 im Vorschlag inkludiert. Er wird Internetplattformen dazu verpflichten, Uploadfilter einzusetzen, um alle hochgeladenen Inhalte vorab auf ihre Legalität zu prüfen.

„Uploadfilter sind ein direkter Angriff auf unsere Meinungsfreiheit und verhindern effektiv eine vielfältige Kulturlandschaft im Internet“, erklärt Hayden

„Kleinere und mittlere Plattformen können die komplexem Filteralgorithmen nicht selbst entwickeln und müssten diese Leistung von größeren Betreibern wie Youtube (Google) einkaufen. Das stärkt die Marktposition der ohnehin schon monopolähnlichen Plattformen weiter“, so Elisabeth Niekrenz, politische Referentin der Digitalen Gesellschaft.

Als nächster Schritt wird der verhandelte Text kurz vor der Europawahl im Plenum des Europäischen Parlaments von allen 751 Mitgliedern aus 28 Ländern abgestimmt. „Die Urheberrechtsreform wird bei dieser Wahl ein entscheidendes Thema sein“, ist sich Hayden sicher.

[1] Link zur Kampagnenwebsite: https://pledge2019.eu
[2] Link zur Online-Petition: https://www.change.org/p/european-parliament-stop-the-censorship-machinery-save-the-internet

Offener Brief an deutsche Abgeordnete im LIBE-Ausschuss

Sehr geehrte Abgeordnete,

wir möchten Ihnen unsere tiefgreifende Besorgnis über den Entwurf der EU-Kommission für eine Verordnung zur Verhinderung der Verbreitung terroristischer Online-Inhalte mitteilen. Der ausufernde Anwendungsbereich, die unsachgemäße Definition terroristischer Inhalte, technisch höchst zweifelhafte automatische Zensurmechanismen und die mit der Übertragung der Rechtsdurchsetzung an Dritte verbundene Einschränkung des Rechtswegs stellen eine ernsthafte Bedrohung für Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Vertraulichkeit der Kommunikation und die Vielfalt der medialen Landschaft des Internets dar.

Ziel terroristischer Handlungen ist, durch die Verbreitung von Schrecken das Vertrauen in die offene Gesellschaft zu zerstören und so Meinungsfreiheit und Demokratie aufzuweichen.

Umso dringender ist es nötig, demokratische Grundrechte aufrechtzuerhalten.

Wir, die unterzeichnenden Organisationen, bitten Sie, die Verabschiedung dieses Entwurfes zu verhindern.

1. Anwendungsbereich

Der extrem weite Anwendungsbereich des Verordnungsentwurfs erfasst nicht etwa nur große soziale Netzwerke, sondern auch eine Vielzahl kleiner Websites, etwa alle Blogs und Nachrichtenportale mit Kommentarfunktion, Foren, Videostreamingdienste, File-Sharing- und auch der Öffentlichkeit nicht zugängliche Cloud-Dienste. Kleinere Anbieter und vor allem nichtkommerzielle Dienste haben nicht die technischen und personellen Möglichkeiten, Löschungen binnen einer Stunde durchzuführen oder hochkomplexe Filtersysteme einzurichten. Viele wären deshalb gezwungen, ihre Angebote für benutzergenerierten Content einzustellen oder die Ausführung an größere Digitalkonzerne auszulagern. Das würde das weitere Anwachsen von monopol-ähnlichen Unternehmen fördern und sich stark bremsend auf die Entwicklung der Digitalwirtschaft sowie auf nichtkommerzielle Angebote auswirken.

2. Definition terroristischer Inhalte

Die Definition terroristischer Inhalte in Art. 2 greift auf die von Menschenrechtsorganisationen stark kritisierte RL 2017/541 zurück, mit der EU-weite Vorgaben für Terror-Straftatbestände eingeführt wurden. Von ihr können auch Formen zivilen Ungehorsams, zum Beispiel Blockadeaktionen, erfasst sein. Der Verordnungsentwurf vermindert die Anforderungen noch stärker, indem er auf jeden Vorsatz verzichtet und etwa „Methoden für das Begehen terroristischer Straftaten“ als terroristischen Inhalt qualifiziert. Dadurch können auch journalistische Aktivitäten oder solche von Menschenrechtsorganisationen betroffen sein, die sich mit dem Thema Terrorismus beschäftigen. Bemerkenswerter Weise halten der UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Privatheit und die UN-Sonderberichterstatterin für den Grundrechtsschutz im Anti-Terror-Kampf es für nötig, die EU-Organe darauf hinzuweisen, dass auch Inhalte, die den Staat schockieren, angreifen und stören, von der Meinungs- und Informationsfreiheit gedeckt sind und zum demokratischen Diskurs gehören.

3. Proaktive Maßnahmen

Nach Art. 6 könnten Anbieter von Hosting-Diensten dazu verpflichtet werden, Uploadfilter zu implementieren, die bereits das Hochladen von als terroristisch erkannten Inhalten verhindern. Wenn Plattformbetreiber durch den Staat beauftragt werden, Inhalte vor der Veröffentlichung zu kontrollieren und gegebenenfalls eine Veröffentlichung zu verhindern, ist das eine Vorzensur, die das Grundgesetz in Art. 5 verbietet. Allgemeine Überwachungspflichten für Plattformen sind außerdem durch Art. 15 der eCommerce-Richtlinie verboten.

Die Treffsicherheit von Uploadfiltern ist nicht gewährleistet: Die Plattform Youtube, die sie bereits auf freiwilliger Basis einsetzt, sperrte zehntausende Videos, die Kriegsverbrechen des IS dokumentierten, weil in ihnen IS-Flaggen zu sehen waren. Automatisierte Filter sind nicht in der Lage, den Kontext von Ideen und Äußerungen einzuschätzen und daher massiv fehleranfällig. Dabei ist jeder einzelne legale Inhalt, der fehlerhaft gelöscht wird, eine unzulässige Verletzung der Meinungsfreiheit. Eine Fehlerquote, die jeder Filter aufweist, ist hier inakzeptabel.

Außerdem bergen solche Mechanismen ein enormes Missbrauchspotenzial, weil durch kleine Änderungen der Algorithmen statt terroristischer Propaganda auch unbequeme Postings gefiltert werden können. In einer Welt, in der soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle für die Meinungsbildung spielen, wäre das fatal.

4. Übertragung der Rechtsdurchsetzung an Private

Nach der Verordnung sollen Inhalte nicht nur auf behördliche Anordnung gelöscht werden, sondern es besteht des weiteren die Möglichkeit, dass nationale Behörden Inhalte dem Hostinganbieter melden, damit dieser einen Verstoß gegen seine Nutzungsbedingungen prüft (Art. 5 VO-Entwurf). Private Hostinganbieter können im Rahmen ihres virtuellen Hausrechts durch Nutzungsbedingungen deutlich stärker als staatliche Akteure regeln, welche Inhalte gepostet werden dürfen. Auf diesem Weg könnten Behörden versuchen, Plattformbetreiber zu instrumentalisieren, um unliebsame Beträge verschwinden zu lassen, für deren Löschung auf Basis nationalen oder internationalen Rechts keine Grundlage bestünde. Besonders gefährlich ist dies, weil als Rechtsmittel gegen die Löschung zunächst eine Beschwerde beim Hoster vorgesehen ist. Der Entwurf stellt nicht klar, inwiefern ein Inhalteanbieter gegen eine Meldung verwaltungsgerichtlich vorgehen kann und ob eine gerichtliche Überprüfung auf Wahrung von Grundrechten stattfindet. Das ist skandalös und steht in eklatantem Widerspruch zum Erfordernis effektiven Rechtsschutzes nach der EU-Grundrechtecharta. Dieses tiefgreifende Risiko der Umgehung von Grundrechten ist durch nichts gerechtfertigt: Hält eine Behörde es nicht für erforderlich, einen Post via Löschungsanordnung blockieren zu lassen, so besteht kein Anlass, den Hostinganbieter zu einer Löschung auf abweichender Rechtsgrundlage anzuregen.

Wir fordern Sie daher auf, den Entwurf abzulehnen.

Mit freundlichen Grüßen

Digitale Gesellschaft
Digitalcourage
Chaos Computer Club
Gesellschaft für Informatik
Aktion Freiheit statt Angst
Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung
Wikimedia Deutschland


Digitale Gesellschaft kritisiert EU-Verordnungsentwurf zur Verhinderung der Verbreitung terroristischer Online-Inhalte in offenem Brief

Im EU-Parlament wird derzeit über einen Verordnungsentwurf der Kommission zur Verhinderung der Verbreitung terroristischer Online-Inhalte verhandelt. Der Entwurf birgt erhebliche Einschränkungen von Meinungs-, Informations- und Berufsfreiheit sowie große Missbrauchsrisiken. Die netzpolitische Organisation Digitale Gesellschaft e.V. sieht darin eine massive Gefahr für die Meinungslandschaft im Internet. Auch drei UN-Sonderkommissare warnen vor erheblichen Eingriffen in Menschenrechte.

Nach dem Entwurf sollen als terroristisch eingestufte Inhalte auf behördliche Anordnung binnen einer Stunde gelöscht werden – bei Nichtbeachtung drohen erhebliche Bußgelder.
Von diesen Pflichten sind alle Internetdiensteanbieter, die Informationen von Nutzern speichern, um sie Dritten zur Verfügung zu stellen, betroffen. Der ausufernde Anwendungsbereich würde das Aus für viele kleinere Anbieter und Non-Profit-Dienste bedeuten. Umfasst sind nicht nur öffentlich zugängliche Inhalte, sondern auch solche, die nur in einer kleinen Gruppe geteilt werden. Besonders problematisch ist, dass die Definition terroristischer Inhalte in ihrer derzeitigen Form journalistische Tätigkeiten und Erscheinungsformen zivilen Ungehorsams umfasst.

Elisabeth Niekrenz, politische Referentin der Digitalen Gesellschaft, erläutert: „Neben den Löschungsanordnungen sieht der Entwurf weitere Werkzeuge für die nationalen Behörden vor: Plattformbetreiber könnten dazu verpflichtet sein, durch Uploadfilter Inhalte vor Veröffentlichung mittels Algorithmen darauf zu überprüfen, ob sie terroristische Inhalte enthalten und gegebenenfalls zurückzuhalten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass Behörden Inhalte den Anbietern melden, damit diese einen Verstoß gegen ihre Nutzungsbedingungen prüfen. Der Rechtsschutz der Inhalteanbieter gegen Löschungen ist in diesen Fällen durch eine Verschiebung der Entscheidung auf die privaten Hostinganbieter stark verkürzt.“

Die Digitale Gesellschaft e.V. hat sich gemeinsam mit dem Chaos Computer Club, der Gesellschaft für Informatik, der Aktion Freiheit statt Angst, dem Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung, Digitalcourage und Wikimedia Deutschland in einem offenen Brief an die deutschen Abgeordneten im Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres (LIBE) gewandt und sie dazu aufgefordert, den Entwurf abzulehnen.  

Offener Brief:
https://digitalegesellschaft.de/wp-content/uploads/2019/02/Offener-Brief-gegen-den-Verordnungsentwurf-zur-Verhinderung-der-Verbreitung-terroristischer-Online-Inhalte-1.pdf (PDF-Version)

https://digitalegesellschaft.de/2019/02/offener-brief-an-deutsche-abgeordnete-im-libe-ausschuss/ (HTML-Version)

Weitere Informationen:
European Digital Rights (EDRi): https://edri.org/terrorist-content-regulation-document-pool/

netzpolitik.org: https://netzpolitik.org/2019/uploadfilter-gegen-terroristische-online-inhalte-wie-das-eu-parlament-um-seine-position-ringt/

Bericht der UN-Sonderkommissare:
https://spcommreports.ohchr.org/TMResultsBase/DownLoadPublicCommunicationFile?gId=24234 (PDF)

Legal Tribune Online (LTO): https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/eu-kommission-verordnung-anti-terror-online-plattformen-loeschen/

ePrivacy: EU-Regierungen wollen elektronische Nachrichtenzensur einführen

Mitglieder von Vereinen und Verbänden kritisieren nach einem Gespräch mit Vertretenden des Justiz- und des Wirtschaftsministeriums die aktuellen Änderungen am Entwurf einer ePrivacy-Verordnung. Der Schutz von Betroffenen vor Online-Tracking in Internet-Anwendungen soll durch die jüngsten Änderungen erheblich geschwächt und durch eine Öffnungsklausel soll eine Möglichkeit zur Zensur von Nachrichten geschaffen werden.

Die Bundesregierung tritt nach eigenen Aussagen in den Verhandlungen zur ePrivacy-Verordnung für Verbesserungen des letzten Vorschlags der österreichischen Ratspräsidentschaft, etwa für die Begrenzung der zweckfremden Nutzung von Kommunikationsdaten oder datenschutzfreundliche Voreinstellungen in Browsern, ein.

Einige EU-Regierungen wollen nun aber mit der Einführung der ePrivacy-Verordnung Internetverbindungen, E-Mails und Chat-Nachrichten auf unzulässige Inhalte durchsuchen lassen. Zum Auffinden von „kinderpornografischen“ und „terroristischen“ Inhalten sollen Internetprovider, E-Mail-Anbieter und Anbieter von Messaging-Diensten nach eigenem Ermessen die Internetnutzung und versandte Nachrichten ihrer Kunden verdachtslos und flächendeckend filtern dürfen. Das in der geplanten ePrivacy-Verordnung vorgesehene Telekommunikationsgeheimnis soll insoweit aufgehoben werden. Durch nationale Gesetze könnte die Nachrichtenzensur zudem verpflichtend eingeführt werden. „Das wäre ein massiver Eingriff in das Fernmeldegeheimnis und die Informationsfreiheit,“ kommentierte Elisabeth Niekrenz, politische Referentin der Digitalen Gesellschaft.

In einem Gespräch auf Einladung des Bundesjustizministeriums gestern in Berlin kritisierten Bürgerrechts- und Datenschutzorganisationen einen solchen Versuch der Prinzipienumkehr scharf. Mit Blick auf übliche Verschlüsselungstechnologie wurden die insbesondere von Großbritannien vorangetriebenen Zensurpläne, mit denen sich am Donnerstag eine Ratsarbeitsgruppe befassen soll, als wirkungslos bezeichnet.

Auch die Ratspläne zur ausufernden Sammlung und Weitergabe von Positions- und Verbindungsdaten durch Telekommunikationsanbieter sowie die Erlaubnis, das Surfverhalten von Menschen für Werbezwecke zu durchleuchten (Tracking), werden kritisch gesehen. Stattdessen forderten die Vertreter der Zivilgesellschaft ein Recht auf datenschutzfreundliche Browsereinstellungen, einen besseren Schutz vor Datenklau und Abhören sowie einen zügigen Abschluss der verschleppten ePrivacy-Reform. „Die ePrivacy-Verordnung ist eine Chance, klare Regeln für den Datenschutz der Nutzerinnen und Nutzer im Internet aufzustellen und endlich Rechtssicherheit für die Anbieter von Diensten zu schaffen,“ so Elisabeth Niekrenz.

Das federführende Wirtschaftsministerium stellte ein baldiges Nachfolgegespräch in Aussicht. Es wurde zuletzt öffentlich vielfach kritisiert, dass bisher fast nur mit Wirtschaftsverbänden über die ePrivacy-Reform gesprochen wurde. Begrüßt wird auch, dass geprüft wird, ob die im Rat eingebrachten Formulierungsvorschläge der Bundesregierung veröffentlicht werden.

Der Wille scheint in der Regierung weiterhin groß zu sein, die ePrivacy-Verordnung zu einem Abschluss zu bringen. Aus Sicht der Verbände ist das überfällig. Die Vertretenden der Vereine und Verbände fordern, digitale Bürgerrechte zu respektieren und zu stärken, wie im Verordnungsentwurf des Europäischen Parlaments vorgesehen.

An dem Gespräch teilgenommen hatten Vertreter von Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands (BvD), Deutsche Vereinigung für Datenschutz, dieDatenschützer Rhein Main, Digitalcourage, Digitale Gesellschaft, FifF, ISOC.DE, Netzwerk Datenschutzexpertise und Verbraucherzentrale Bundesverband.

Weitere Informationen:
Aktueller Entwurf einer ePrivacy-Verordnung mit Änderungsvorschlägen des EU-Rats vom 19.10.2018:
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=CONSIL:ST_13256_2018_INIT&from=EN
Offener Brief von Vereinen und Verbänden:
http://www.vorratsdatenspeicherung.de/images/eprivacy-appell-altmeier.pdf